Während historische Katastrophendramen meist Minister und Generäle in den Mittelpunkt rücken, entfaltet Craig Mazins Chernobyl seine tiefste emotionale Wucht im Angesicht der einfachen Arbeiter, die sich der tödlichen Strahlung entgegenstellten. In den Episoden 2 und 3 blickt die Inszenierung unter die brennenden Trümmer von Block 4 und dokumentiert zwei der heroischsten Rettungsaktionen der Industriegeschichte: den Tauchgang in die gefluteten Schleusenbecken und den Tunnelbau der Tulaer Bergleute.
Die erste Operation verhinderte eine unvorstellbare europäische Apokalypse: Drohte das geschmolzene Corium („die Lava“) durch die Betondecke in das darunterliegende Wasserbecken zu brechen, hätte eine thermische Dampfexplosion die verbliebenen drei Reaktoren zerstört und halb Europa unbewohnbar gemacht. Um das Wasser abzulassen, meldeten sich drei Ingenieure – Alexei Ananenko, Valeri Bezpalov und Boris Baranov – freiwillig, um in Neoprenanzügen in die pechschwarzen, radioaktiven Fluten zu steigen und die Ventile manuell zu öffnen.
Regisseur Johan Renck inszeniert diese Passage wie einen beklemmenden Horrorthriller. Als die Handlampen unter dem Ionenbeschuss versagen, versinkt die Szene in totaler Finsternis, durchschnitten nur vom hektischen Rattern der Dosimeter und den Atemzügen der Männer. Ihr unerschrockener Einsatz gelang und rettete Millionen Menschenleben.
Ebenso unvergesslich bleibt das Porträt der Bergleute aus Tula unter ihrem resoluten Vorarbeiter Glukhov (Alex Ferns). Angefordert, um einen 150-Meter-Tunnel für einen flüssigen Stickstoff-Kühler unter das Fundament zu treiben, wischen die Kumpel die leeren Parolen der Funktionäre beiseite und fordern die ungeschminkte Wahrheit über die Strahlungswerte. Unter 50 Grad Hitze und ohne Belüftungsventilatoren schuften sie rund um die Uhr – ein Denkmal wahrer Solidarität und Hingabe für das Überleben künftiger Generationen.